Heidelberg, 9. Januar 2026 Stefanie Wally zu Gast am Studienkolleg
Am 9. Januar 2026 durften wir die Kulturschaffende und Autorin Stefanie Wally bereits zum dritten Mal für eine „Erzähllesung“ am Studienkolleg willkommen heißen. Die von den Geschichts- und Politikdozenten Steve Bahn und Dr. Michael Roth organisierte Veranstaltung richtete sich an die Studierenden der S- und G-Kurse. Im Mittelpunkt standen die beiden Bücher Stefanie Wallys: das im Oktober 2016 erschienene „Akte Luftballon“ und ihr im September 2024 veröffentlichter neuer Roman „Rosa“.
Es berichten Julie de Lamirande aus dem zweiten Semester und Milena Estefania Carrera aus dem ersten Semester des S-Kurses:
Die deutsche Geschichte ist, besonders im 20. Jahrhundert, sehr komplex und ereignisreich. Vor allem für uns junge Studierende ist es schwierig, sich diese Zeit vorzustellen und sich in sie hineinzuversetzen. Durch Werke wie „Rosa“ und „Akte Luftballon“ von Stefanie Wally gelangen wir jedoch zu einer zutiefst menschlichen und persönliche Perspektive auf die deutsche Geschichte, die für uns erfahrbar und greifbar wird.
Stefanie Wally begann ihren Vortrag mit dem überall bekannten Lied „99 Luftballons“ von Nena, das sich im Nachhinein als fast perfekte Zusammenfassung ihrer eigenen Geschichte herausstellte. Wir tauchten damit in ihr erstes Buch ein und verfolgten das Leben der zu Beginn der „Akte Luftballon“ sechs Jahre alten Autorin, die mit gebrochenem Bein und deshalb dringend benötiger Ablenkung einen Luftballon mit einer Notiz versah und mit der Hoffnung in den Himmel schickte, dass dieser irgendwo landen und sie eine kleine Nachricht als Aufheiterung erhalten würde.
Genau dazu kam es, als die an den Luftballon gebundene Karte vom Großvater eines gleichaltrigen Mädchens in der Nähe von Meißen in der ehemaligen DDR gefunden wurde. So begann eine bis heute andauerende Freundschaft, die Grenzen überschritt, Perspektiven veränderte und Hoffnung für zwei kleine Mädchen auf dem Weg zum Erwachsensein brachte.
Nach einer kurzen Pause lernten wir Rosa kennen, die Großmutter der Autorin und eine Frau, die die größten Ereignisse des 20. Jahrhunderts erlebt und überlebt hat. Ihr Leben und das damalige politische Geschehen, die in Verbindung mit ihren Lieblingsrezepten präsentiert wurden, machten diese Zeit auf eine ganz andere Weise nachvollziehbar.
Daneben konnten wir die Geschichte durch verschiedene Erinnerungsstücke wie Bilder und andere Objekte nachvollziehen und erhielten dadurch sehr persönliche Einblicke, denn mit jedem neuen Kapitel des Buches bekommen wir als Lesende auch ein neues Rezept, das mit dem kommenden Kapitel verbunden ist.
Julie de Lamirande

Durch die Lesung erhielten wir vielfältige Einblicke in die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, deren Komplexität durch den persönlichen und emotionalen Zugang durch Stefanie Wally viel besser verständlich wurde. Die Autorin weicht schwierigen Themen und emotionalen Situationen nicht aus, sondern setzt sich mit ihnen auseinander und lädt uns ebenfalls dazu ein.
Sie hat eine wunderbare Begabung, historische Quellen und Literatur zu kombinieren, um eine mitreißende Geschichte zu erzählen. Ihre Bücher sind zu empfehlen, besonders für diejenigen, die das heutige Deutschland gerade erst anfangen kennenzulernen bzw. es aus der Vergangenheit heraus noch besser verstehen wollen. Das zeigte sich auch in den vielen persönlichen Gesprächen mit der Autorin im Anschluss an die Lesung.
Beide Bücher, also die „Akte Luftballon“ und „Rosa“, erzählen die Geschichte starker Frauen. Besonders die „Akte Luftballon“ hat mich tief beeindruckt. In meinem Heimatland hatte ich nur sehr wenig über die Geschichte der BRD und der DDR gehört – und darüber, was diese Trennung mit den Menschen in Deutschland gemacht hat.
Es war faszinierend, einer Zeitzeugin zuzuhören, die ihre eigenen Erfahrungen mit dieser Zeit teilte. Ihre Erzählweise war so lebendig und bewegend, dass ich ganz in ihrer Geschichte versunken bin.
Ich finde, dass wir heute oft vergessen, woher wir kommen und welche Menschen uns auf unserem Weg begleitet und geprägt haben. Diese Erinnerungen sind ein Teil von uns, und ohne sie verlieren wir ein Stück unserer Identität. Als internationale Studentin in einem Land mit so viel Geschichte empfinde ich es als besonders wichtig, meine eigenen Wurzeln zu bewahren.
Vielleicht werde ich eines Tages auch die Geschichte meines Ururgroßvaters erzählen, der einst den Mut hatte, von Italien nach Ecuador auszuwandern – eine Entscheidung, die letztlich auch mein Leben beeinflusst hat.
Milena Estefania Carrera